Der Vorstand übernimmt Führung
Auch wenn der Umgang in der DPSG in der Regel locker und persönlich ist und viele eng miteinander befreundet sind, so ist es doch wichtig, die eigenen Rollen klar zu
8 Vgl. Redmann (2015), S. 148
haben. Neben den rechtlichen Führungsaufgaben gibt es noch einen anderen elementaren Aspekt der Vorstandstätigkeit. Vorstände führen nicht nur Geschäfte, sondern sind neben den Gruppenmitgliedern auch für die Leiterinnen und Leiter, Referentinnen und Referenten sowie alle anderen erwachsenen Mitglieder des Stammes verantwortlich. Diese Verantwortung sieht anders aus als diejenige Verantwortung, die Leiterinnen und Leiter für ihre Gruppenmitglieder tragen, denn es geht nicht um Beaufsichtigung und Erziehung, sondern um Führung und Weiterentwicklung. Führung ist auf die Zustimmung der Beteiligten angewiesen und so bestimmt die Stammesversammlung als höchstes Organ im Stamm diejenigen Personen, die den Vorstand bilden sollen. Wenn dies geschehen ist, lässt sich der Stamm, also diejenigen, die den Vorstand aus ihren Reihen gewählt haben, vom Vorstand leiten und führen. Mit der Annahme der Wahl zum Vorstand sagen die Mitglieder des Vorstands zu, dass sie diese Führung übernehmen wollen. Die Führungsverantwortlichkeit eines Stammesvorstands ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, und denen, die diesen das dafür notwendige Vertrauen entgegenbringen und sie mit einem entsprechenden Mandat ausstatten. Die Stammesversammlung bestimmt diejenigen Personen, die den Vorstand bilden sollen. Damit wird das Vertrauen ausgesprochen, dass man dem Vorstand eine entsprechende Führungsfähigkeit zutraut. Überprüft wird dies im jährlich stattfinden Jahresund Kassenbericht mit Entlastung des Vorstands. Umgekehrt ist Führung auf Unterstützung (Gefolgschaft) angewiesen. Mit der Annahme der Wahl als Vorstand wird die Bereitschaft zur Führungsübernahme ausgesprochen. Damit die Gefolgschaft erhalten bleibt, muss eine Führungskraft auf einiges achten: • den Kontakt zur Gefolgschaft halten (Beziehungsarbeit) • deren Anliegen im Blick behalten (Vertretungsarbeit) • unterschiedliche Sichtweisen ausbalancieren (Integrationsund Moderationsarbeit) • bei widersprechenden Handlungsnotwendigkeiten für diese werben (Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Überzeugungsarbeit) • langfristige Entwicklungen im Blick behalten (Weitsicht, Orientierung geben) • und vieles mehr
Der Vorstand steuert also bewusst Menschen und den Stamm, ohne sie zu manipulieren. Baden-Powell schon war sich dieser ganz besonderen Funktion bewusst, indem er sagte: „Führerschaft durch persönlichen Kontakt ist die Schlüsselfunktion zum Erfolg in unserer Bewegung“. Im Berufsleben gibt es für Führungskräfte Sanktionsmittel, also Möglichkeiten ein bestimmtes Verhalten anzuweisen oder jemand disziplinarisch zu sanktionieren, wenn jemand ihre oder seine Aufgaben nicht richtig oder gar nicht erledigt. In der Berufswelt stellen Ermahnungen, Abmahnungen oder Kündigungen solche Disziplinierungsmaßnahmen dar. Ehrenamtliche Arbeit im Stamm kann und soll nicht erzwungen werden und das ist eine der großen Stärken freiwilliger ehrenamtlicher Arbeit. Das zwischenmenschliche Miteinander und die Freude an Inhalten und Zielen führen in der DPSG dazu, dass sich Menschen gegenseitig führen und führen lassen. Wenn es gelingt, in guter Kooperation dieses Wechselspiel zu gestalten, werden alle Beteiligten angenehme Erfahrungen machen können und viel voneinander lernen. Erst durch gute Führung wird die erforderliche Verbindlichkeit in freiwilligem Engagement erzeugt. Um diese Führung in gutem persönlichem Kontakt wahrzunehmen benötigt der Vorstand einige wichtige Fähigkeiten.910
Wie gute Führung gelingen kann
Die nachfolgenden Hinweise sind im Stammesalltag sicher nicht immer einfach umzusetzen. In der Realität wird es immer mal passieren, dass einzelne Punkte vernachlässigt oder nicht bedacht werden. In der Regel lässt sich dies mit offenen, ehrlichen und zugewandten Gesprächen lösen.
Gut zuhören Aufmerksames Zuhören bildet die Grundlage für das Handeln des Vorstands, denn so bekommt er mit, was die Leiterrunde bewegt, was ihre Bedürfnisse und Wünsche sind. Aus diesem Wissen kann der Vorstand sein Handeln ableiten. Aktives Zuhören ist Übungssache und es kommt vor allem darauf an, die Gesprächspartnerin oder den Gesprächspartner ernst zu nehmen, seine Meinung und Aussage zu akzeptieren (auch wenn sie der eigenen wiedersprechen mag) und die eigene Meinung zurückzuhalten.
9 Vgl. Sommer (2017) Blogartikel zur Lilienpflege 10 Vgl. Redmann (2015) S. 72
Denn selbst zu sprechen fällt oft viel leichter als offen zuzuhören und den anderen verstehen zu wollen, ohne direkt die eigene Meinung mitzuteilen.
Vertrauen in die Leiterrunde und in die eigene Person Vertrauen beginnt mit Selbstvertrauen. Und egal, ob es ein sehr erfahrener oder neuer Vorstand ist: Die Stammesversammlung und damit der ganze Stamm traut den gewählten Personen ihr Amt zu. Von Zeit zu Zeit sollte sich dies ein Vorstand wieder bewusstmachen. So kann es gelingen, dieses Vertrauen zu empfinden und auch selbst z.B. in die Leiterrunde zu vertrauen.
Verantwortung abgeben Eng mit dem Thema Vertrauen hängt das Thema Verantwortung zusammen. Denn wem man vertraut, dem gibt man gerne Verantwortung ab oder übernimmt sie von denjenigen. Für Vorstände als Führungskräfte bedeutet das eine einmalige Gelegenheit zur Entlastung. Denn natürlich muss und kann ein Vorstand nicht alles selbst machen. Wer welche Aufgaben übernehmen kann, sollte gemeinsam im Vorstandsteam und in der Leiterrunde entschieden werden. Ein Blick in die Satzung hilft dabei, denn manche Aufgaben kann nur der Vorstand übernehmen (wie beispielsweise die Einberufung der Leiterrunde). Vieles kann er aber auch delegieren (wie beispielsweise die Begleitung der Leitungsteams, Kassenführung, usw.).
Für klare Aufgabenund Rollenverteilung sorgen Mit der Abgabe von Verantwortung muss Klarheit geschaffen werden, wer welche Aufgabe im Stamm übernimmt. Denn Kompetenzgerangel und Unklarheiten sorgen für Frustration und Demotivation. Eine einfache Liste mit Namen und Zuständigkeit hilft enorm. Konkrete Beispiele finden sich später in diesem Kapitel.
Motivation und Stammeskultur lebendig halten Werte spielen eine wichtige Rolle beim Führen. Aus den universellen DPSG-Werten wie Mitbestimmung, Gleichberechtigung oder Freiwilligkeit hat jeder Stamm seine eigene Kultur herausgearbeitet – bewusst oder unbewusst. Ein offener Austausch dazu macht Abläufe im Stamm transparent und verständlich, bindet neue Mitglieder ein und ermöglicht Veränderung. Beispiele dafür sind der Stellenwert von Spiritualität oder ob, wann und wie häufig Stufenoder Stammeslager durchgeführt werden.
Gemeinsame Pläne machen Führen heißt auch Entscheidungen zu treffen. Dafür braucht der Vorstand den Rückhalt der Leiterrunde. Denn die grundlegenden Entscheidungen sollten die Leiterrunde und die Stammesversammlung mittragen. Mit einem Jahresplan mit klaren Zielen, der auch die nächsten Jahre im Blick hat, können Vorstand und Leiterrunde gut planen: Brauchen wir neue Leitende oder suchen wir ein neues Küchenzelt? Das lässt sich beides besser angehen, wenn es längerfristig geplant ist. Ebenfalls hilfreich ist ein Plan, auf dem die großen und auch kleineren Aktionen des Stammes wie Georgstag, Friedenslichtaussendung, Gemeindefest, Stammesversammlung, Sommerlager, Fahrtenwochenenden, Beteiligung an St. Martin oder Erntedankfeiern, etc. vermerkt und somit bei anderen Planungen mit einbezogen werden. Gleichzeitig kann eine Leiterrunde auch nicht alles entscheiden, denn sonst würde die Vielzahl der kleinen Entscheidungen ihr Arbeiten aufhalten. Es geht – wie gesagt – um grundlegende Entscheidungen wie Jahresziele mit der Leiterrunde. Der Vorstand entscheidet im Tagesgeschäft. Wie dies in der Stammesversammlung und in der Zeit ihrer Vorbereitung gut geregelt ist, könnt ihr demnächst in einem eigenen Kapitel lesen.
Ein Vorstand führt durch Entscheidungen und Vorangehen Führen bedeutet auch voran zu gehen und Neues zu wagen. Ein Vorstand muss viele Entscheidungen treffen. Wichtig ist, dass diese Entscheidungen auch wirklich getroffen werden. Denn wer immer versucht Fehler zu vermeiden und keine Entscheidungen trifft, vergibt Chancen der aktiven Gestaltung und kann irgendwann nur noch auf Entscheidungen anderer reagieren. So gilt es, selbst aktiv Entscheidungen zu treffen und dann auch konsequent zu diesen zu stehen.
Mutig sein, Neues auszuprobieren ‚Learning by doing‘ gilt auch für Stammesvorstände. Auch wenn manches schief geht, dafür ist die DPSG ein Kinderund Jugendverband und dafür dürfen und sollen Leiterinnen und Leiter und auch der Vorstand lernen und sich weiterentwickeln.
Die Zukunft gestalten
Um neues Handeln und Ziele in deinem Stamm einzubringen kommt es oftmals auf den Wechsel der Blickrichtung an. Von der Vergangenheit mit eingefahrenen Strukturen und Abläufen („Das haben wir schon immer so gemacht“; „Wir haben schon alles ausprobiert, es hilft nichts“) hin zur entstehenden Zukunft. Ein guter Vorstand traut sich zu hören, zu sehen und manchmal auch nur zu spüren was wirklich wichtig ist für die Zukunft des Stammes, gibt Raum zur Entwicklung und probiert aus. Natürlich braucht Veränderung Zeit und nicht alles klappt von Anfang an. Aber Stillstand ist nutzlos, sagte schon Baden-Powell.11